Eine Lagerhalle, in der 600 Kameras jede Warenbewegung im Blick haben, ein «Brain Interface», bei dem der Mitarbeitende nur an den Stapler zu denken braucht, damit der in Position rollt: Alles nur Science Fiction? Offenbar nicht - sondern im Werden begriffen, wie der Zukunftskongress Logistik in Dortmund zeigt.

Die Mensch-Maschine-Schnittstelle in Form eines Bügels auf dem Kopf, der einem Kopfhörer ähnelt, braucht einen Moment, um sich auf die Hirnströme des Mitarbeitenden einzustellen – und der muss sich dann auch nochmal stark auf die gewünschte Interaktion konzentrieren, damit die Sensoren das auch mitbekommen. Doch nach einer kleineren Anlernphase funktioniert die Sache, erläutert Michael ten Hompel zur Eröffnung des vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) organisierten Zukunftskongresses.

Ten Hompel, der die Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre massgeblich mitgeprägt hat, sieht gar keinen Zweifel mehr daran, dass sich die lagertechnische Arbeit – wie auch viele andere gesellschaftliche Bereiche – auf ein «Digitales Kontinuum» zubewegen, in dem physische Präsenz und Algorithmen, die sich im Hintergrund bewegen, künftig zunehmend ineinander fliessen. Von der Geschwindigkeit, mit der sich dies – wie auch Chat GPT - durchsetzt, überraschte auch viele der rund 480 Teilnehmer, die den Kongress besuchten.

Tatsächlich legt die Entwicklung KI-gesteuerter Systeme ein Tempo vor, mit dem bis vor kurzem noch niemand gerechnet hat. «Sogar wir waren von der plötzlichen Rasantheit überrascht», sagt Markus Hacker, Europa-Repräsentant des kalifornischen Grafikprozessoren- und Spielkonsolen-Herstellers NVIDIA.

Grafik: T-Systems

Denn die Technik, mit der neuronale Netzwerke untereinander agieren können, stamme eigentlich aus den 1960er Jahren. «Wir hatten damals aber noch nicht die Rechnerkapazitäten, um das alles umzusetzen», sagt Hacker. Relativ plötzlich stürmen die Anwendungen nun also voran. Mindestens die Hälfte der Kongressteilnehmer nutzt eigenem Bekunden zufolge bereits Chat GPT. Die trainiert ihrerseits den Menschen, der wiederum dafür sorgen muss, dass dieses «coaching» ordentliche Grundlagen hat, und sich nicht unerwartet gegen seinen Schöpfer wendet.

So gibt es schon fast keine automatisierten Lagerprojekte mehr, die nicht darauf angewiesen wären, ihre Hunderte, teils tausend mobile Komponenten und Roboter über einen digitalen Zwilling, also ein digitalisiertes Abbild im Warehouse-Management-System, überhaupt erfassen und überblicken zu können. Simulations-Modelle lernen die Maschinen an. Und es herrscht Handlungsbedarf: In zehn bis 15 Jahren, sagt Hacker, werden wir keine Lkw-Fahrer mehr haben und zwingend auf automatisierte wie auch autonome Lösungen angewiesen sein. Auch Lokführer werden zur Mangelware, und – wie dereinst nur Flugzeug-Piloten – auch heute schon weitgehend im Simulator trainiert.

Es ist ein geradezu ideales Betätigungsfeld für die Open Logistics Foundation (OLF), die  Fundamental-Modelle und Basis-Muster zu entwerfen, die dann auf die Bedürfnisse der jeweiligen Anwender spezifiziert werden können. Stefan Hohm, Chefentwickler des  OLF-Mitglieds und Logistik-Dienstleisters Dachser,  erläutert, dass die 400 bis 600 hochauflösenden Kameras, die an Standorten in Unterschleissheim bei München und bei Heilbronn unter der Hallendecke installiert sind, die jeweiligen Warenbewegungen verfolgen – und nicht per Bilderkennungssystem den jeweiligen Mitarbeitenden identifizieren (ob der nun gerade eine Grimasse zieht, oder sich mit einer Kollegin unterhält). «Die Identität der jeweiligen Mitarbeiter wird rausgepixelt», so Hohm.

Dass dies auch wirklich geschieht und nicht nach chinesischem Vorbild in eine soziale Totalerfassung oder ein Arbeitsziel-orientiertes Punktesystem a la George Orwell mündet, sollte ten Hompel zufolge von einem moralischen Kodex gesichert werden, der in Form eines Kant`schen Imperativs jedem maschinengesteuerten Komplex zugrunde liegen sollte. Deshalb auch der Gedanke des Basis-Modells, das zur individuellen Weiterentwicklung von interessierten «Verwertern» frei genutzt werden kann, aber ethischen Grundüberlegungen Rechnung tragen müsste.