Vergleiche zwischen dem Nutzen, den 6-Achs-Industrieroboter wie etwa ein «Horst» von Fruitcore Robotics bieten, und neuen humanoiden Modellen regen die Debatte über den «Mehrwert» von menschenähnlichen «Logistikhelfern» an. Benjamin Brumm von Fruitcore legt sich für die einfachere Variante ins Zeug.
Fotos: Fruitcore Robotics
Die Robotik, sagt der Marketing-Manager des Konstanzer Unternehmens, erlebe derzeit einen doppelten Paradigmenwechsel. «Einerseits erreichen 6-Achs-Industrieroboter neue Leistungsrekorde und sie werden vor allem immer einfacher bedienbar». Andererseits sorgen humanoide Roboter, zum Beispiel von Figure oder Tesla, für Schlagzeilen und Pilotprojekte. BMW testet in den USA bereits humanoide Assistenten, um Materialkisten umzupacken und Bediener zu entlasten. (…)
Enorme Erwartungen
Humanoide Roboter wecken seit 2025 enorme Erwartungen, weil sie ohne Umbau in bestehende Produktionshallen hineingehen und problemlos variantenreiche Aufgaben übernehmen können. Laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts IPA aus 2025 (von LogisticsInnovation.org bereits mehrfach zitiert) halten 80 % der deutschen Industrieunternehmen ihren Einsatz in Produktion und Logistik noch in diesem Jahrzehnt für realistisch.
Dieselbe Studie zeigte aber auch, dass ausgereifte 6-Achs-Industrieroboter – von kompakten 3 kg- bis zu 500 kg-Schwerlastmodellen – heute schon höchste Präzision, Taktzeiten unter drei Sekunden und nachweislich kurze Amortisationen bieten.
Ein «Horst» von Fruitcore: Längst im Einsatz...
(…) Zwar haben mehrere Hersteller – allen voran Figure, Agility oder Apptronik – funktionsfähige Prototypen präsentiert, doch die Mehrheit der Einheiten befindet sich in Pilot- oder Vorserientests mit Stückzahlen unter 100 Stück. Im Herbst 2024 kündigte BMW im US-Werk Spartanburg ein Pilotprojekt mit humanoiden Robotern von Figure an.
Noch keine Massenproduktion
Ankündigungen von vier- oder fünfstelligen Produktionszahlen speisen sich dagegen vorwiegend aus Herstelleraussagen und sind entsprechend zu hinterfragen. Eine «Massenproduktion» wird sich, zum Beispiel wegen fehlender Standards, Energie- und Zuverlässigkeitsprobleme, noch verzögern, schätzen Analysten.
Eine Arbeitsgruppe «ISO TC 299/WG 3» arbeitet gegenwärtig an einem Entwurf, der zweibeinige Roboter bei der Normfrage in die Nähe von ISO 10218-1/-2 (für Industrieroboter und Cobots) bringen soll. Bis zur Verabschiedung soll es mindestens bis 2027 dauern.

Demgegenüber werden Millionen von 6-Achs-Industrieroboter seit Jahrzehnten erfolgreich eingesetzt, vielfach im 24/7-Dauerbetrieb. (…) Entsprechend ausgereift ist die Ersatzteil-Logistik. Die Normen sind ausserdem über viele Jahre gereift, wodurch der sichere automatisierte Betrieb klar geregelt ist. Für fast jede Anwendung existieren spezialisierte Greifer, Schutzvorrichtungen, Zu- und Abführungen, aber auch Software-Lösungen. (...) Durch immer einfacher werdende Bedienung, beispielweise über No-Code-Programmierung wie Fruitcore´s «Horst OS», reduziert sich die Kompliziertheit der betreffenden Installationen.
Frage nach der Stabilität
Humanoiden Robotern wird zugestanden, dass sie künftig durch Flexibilität primär dort eine Lücke füllen könnten, wo klassische Robotik bauartbedingt scheitert. Sie tragen Kisten, steigen Treppen oder nutzen vorhandene Werkbänke. Vereinfacht gesagt: Sie können sich an die menschenzentrierte Arbeitsumgebung anpassen.
Die Kehrseite der Flexibilität, sagen Fachleute, sei die geringere «Bahnstabilität». Die Wiederholgenauigkeit lässt sich mangels ISO-Messungen nicht genau bewerten, bewegt sich aber laut Live-Präsentationen im niedrigen Zentimeter-Bereich.
Hart umkämpfter Zukunftsmarkt
Aktuelle Humanoid-Prototypen stemmen maximal 25 kg Nutzlast. Zudem liegt die veröffentlichte End-to-End-Latenz der bildgestützten Regelschleifen bei nur rund 110–120 ms. Realistische Gehgeschwindigkeiten von 1,4 m/s führen zu einer Sekunde Zykluszeitverlust, ein Hauptgrund, warum humanoide Pick-&-Place-Aufgaben heute fünf Sekunden oder mehr benötigen.
Und: Die humanoiden Piloten sind selbst laut Herstellern auf weniger als 20.000 Betriebsstunden ausgelegt, 6-Achser kommen hier auf Werte jenseits von 50.000 Stunden.
«Halb so teuer wie ein Neuwagen»
Die Kernstärken typischer 6-Achs-Roboterarme sind ihre hohe Wiederholgenauigkeit von häufig ± 50 mm und ihre enorme Dynamik bei Anwendungen wie Lichtbogenschweissen oder Präzisionskleben. Bahngeschwindigkeiten deutlich oberhalb von 2 m/s sind für 6-Achser heute problemlos erreichbar. Pick-and-Place-Zyklen von unter drei Sekunden ebenso. Auch die Nutzlasten sind nicht vergleichbar mit denen von humanoiden Robotern, es gibt Schwerlast-Modelle, die auch tonnenschwere Bauteile bewegen.
Bekannte Hersteller wie Tesla, Figure oder Unitree nennen für Humanoide mittelfristige Zielpreise von 10.000 bis 30.000 US-Dollar (8.600 bis 25.800 Euro), Tesla-CEO Musk nannte 2024 «weniger als die Hälfte des Preises für ein Auto». In Tat und Wahrheit kalkulieren Fachleute bei ersten Proof-of-Concepts mit Summen zwischen 150.000 und 300.000 US-Dollar (130.000 bis 260.000 Euro). Denn zum eigentlichen Humanoiden kommen noch Sicherheitssysteme zur Objekterkennung (LiDAR), leistungsstarte Edge-Server und Spezialgreifer hinzu; die fehlende CE-Konformität erfordert eine menschliche Aufsicht und damit höhere Personalkosten.
Zudem liegen die Limits der Humanoiden-Akkus derzeit bei zwei bis vier Betriebsstunden. Zellen mit 6-Achs-Robotern starten je nach Modell und gewünschter Leistung bereits bei 50.000 Euro. Plug-and-Produce-Angebote mit vorgeprüfter CE-Konformität senken den internen Engineering-Aufwand drastisch.
B.Brumm / Fruitcore Robotics
Hier der vollständige Artikel von B.Brumm

















