Rügen – ob als Insel oder Form des Tadels: In Zeiten, in denen Donald Trump mit China um die Vorherrschaft als Weltmacht ringt, ist es schon beachtlich, wenn  drei US-Senatoren dem Fährhafen in Sassnitz wegen Logistik und Lagerhaltung für die Nord Stream-Pipeline mit «wirtschaftlicher Vernichtung» drohen.

Der mit seinem Sitz in der Industriestrasse 18 im schweizerischen Zug eingetragene Pipeline-Betreiber ist das neueste Ziel von Schmipfkanonaden des grossen Mannes im Weissen Haus. Über Jahre hinweg wurde die halbe Ostsee für die zweimal 100.000 Röhren, jede 12,2 Meter lang, insgesamt 90 Mio. Tonnen an Stahl und Zuschlagsstoffen umgekrempelt, jeder Meter zuvor untersucht und auf archäologische Kostbarkeiten wie Schiffswracks gescanned, bevor die Pipeline verlegt wurde, um die Versorgungssicherheit für rund 26 Mio. Abnehmer und Haushalte in Mitteleuropa zu sichern. Der westliche Logistikstützpunkt für das Megaprojekt ist der Fährhafen auf Rügen, über den einst die letzten russischen Soldaten, die in der ehemaligen DDR stationiert waren, ihren Rückweg in die Heimat antraten, und über den per Spurverbreiterung auch Siemens seine S-Bahnzüge und Hochgeschwindigkeits-ICE in Richtung Sankt Petersburg liefert. Vorpommern-Rügen ist auch der Wahlkreis von Angela Merkel.Trump misstraut der dadurch bedingten wirtschaftlichen Abhängigkeit von den Launen eines Wladimir Putin.

 

 

Die zwei Stränge der Nord Stream-Pipeline verlaufen durch die Ostsee von Wyborg, Russland, nach Lubmin in der Nähe von Greifswald. Die beiden jeweils 1224 km langen Pipelinestränge sind die kürzeste Verbindung zwischen den riesigen Erdgasreserven in Russland und den Energiemärkten in der Europäischen Union. Beide Stränge zusammen können über einen Zeitraum von mindestens 50 Jahren Unternehmen und Privathaushalte in Europa mit jährlich 55 Mrd. Kubikmetern Gas versorgen. Da Nord Stream den Energiemarkt der EU und die Versorgungssicherheit stärkt, wurde das Projekt vom Europäischen Parlament und dem Europäischen Rat als Vorhaben von europäischem Interesse eingestuft. Die erste Pipeline nahm ihren Betrieb in 2011, die zweite im Oktober 2012 auf. Jeder Pipelinestrang weist eine Transportkapazität von rund 27,5 Milliarden Kubikmetern Gas pro Jahr auf.

Eine der wichtigsten Erdgasquellen für die Nord Stream-Pipeline ist das Bovanenkovo Öl- und Gasfeld. Das Feld befindet sich in Westsibirien (Russland), Halbinsel Jamal. Es liegt 40 Kilometer von der Küste der Karasee, einem Teil des Nordpolarmeeres, entfernt und erstreckt sich über eine Fläche von etwa 1000 Quadratkilometern. Mit geschätzten Gasreserven von etwa 4,9 Billionen Kubikmetern Erdgas ist das Bovanenkovo Gasfeld eine zuverlässige Quelle für Erdgaslieferungen nach Europa. Das Feld wird von Gazprom Dobycha Nadym LLC entwickelt, einem 100% Tochterunternehmen von Gazprom.

Um Nord Stream an das russische Gasnetz anzubinden, hat Gazprom in Russland eine 917 Kilometer lange Onshore Pipeline gebaut. W&G und E.ON SE haben zwei Überlandleitungen mit einer Gesamtlänge von mehr als 900 Kilometern von Greifswald in den Süden bzw. den Westen Deutschlands gebaut, um die Pipeline mit dem europäischen Fernleitungsnetz zu verbinden.

Durch die Nord Stream-Pipeline wird das Gas bis zur Übernahmestation in Lubmin transportiert. Von dort aus wird es weiter nach Belgien, Dänemark, Frankreich, Grossbritannien, in die Niederlande und in weitere Länder geleitet. Gut, dass deshalb (bislang) noch niemand erschossen wurde.

 

www.nord-stream.com